Organisation

Prof. Dr. med. Günter Höglinger
ist Neurologe und Direktor der Klinik für Neurologie mit Klinischer Neurophysiologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt von Prof. Höglinger sind neurologische Bewegungsstörungen. Insbesondere leitet Prof. Prof. Höglinger verschiedene nationale und internationale Verbünde zur Erforschung von Ursachen und neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bei Parkinson Syndromen. Prof. Höglinger hat in seiner Funktion als erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) die Gründung der Parkinson Stiftung vollzogen.
Was hat Sie motiviert, sich für die Parkinson Stiftung zu engagieren?
In den vergangenen Jahrzehnten wurden in der Parkinson Forschung enorme Fortschritte erzielt. Verbesserte diagnostische und therapeutische Möglichkeiten kommen Patienten heute zugute. Es bleiben aber nach wie vor große Aufgaben zu lösen. Insbesondere steht bislang keine Therapie zur Verfügung, die die Krankheit heilen oder die fortschreitende Verschlechterung des Gesundheitszustandes aufhalten kann. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir ein vertieftes Verständnis der molekularen Krankheitsmechanismen erreichen. Auf dieser Basis können neuartige Therapien gesucht werden, die an den Ursachen der Krankheitsentstehung angreifen. Die Entwicklung neuartiger, durchgreifender Therapien sehe ich als meine wichtigsten wissenschaftliche Aufgaben an. Die Parkinson Stiftung kann hierfür einen wesentlichen Beitrag leisten.
Warum halten Sie die Parkinson Stiftung für wichtig?
Die Parkinson Stiftung stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen Parkinson-Patienten und deren Angehörigen auf der einen Seite und Parkinson-Ärzten und Forschern auf der anderen Seite dar. Das gemeinsame Ziel ist die Verbesserung der Lebensbedingungen von Parkinson-Patienten. Angesichts der Größe der gesamtgesellschaftlichen Aufgaben ist Eigeninitiative gefragt. Aus diesem Grund habe ich als derzeitiger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen die Gründung der Parkinson Stiftung wesentlich mit vorangetrieben.
Was reizt Sie persönlich an der Erforschung der Parkinson-Krankheit?
Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten für Parkinson-Patienten sind in den zurückliegenden Jahren bereits deutlich verbessert worden. In meiner täglichen klinischen Arbeit mit Parkinson Patienten und deren Angehörigen ist es eine große Befriedigung, den Betroffenen mit der eigenen Erfahrung helfen zu können. Dennoch erfahre ich regelmäßig die Limitationen der aktuellen Möglichkeiten. Insbesondere das Fortschreiten der Erkrankung bei langjährig betreuten Patienten oder atypische, schwere Krankheitsverläufe mit unzufriedenstellendem Ansprechen auf die Therapien, stellen große Herausforderungen dar. Seit Beginn meiner klinischen Tätigkeit Anfang der 2000er Jahre konnte ich in der Parkinson-Forschung enorme Fortschritte miterleben. Unser Wissen um die Krankheitsursachen (v.a. Gene und Umwelt) und die molekularen Krankheitsmechanismen hat sich vervielfacht. Wir verstehen mittlerweile viel besser, wie die Krankheit entsteht und fortschreitet. Dieses Wissen bietet nun vormals ungeahnte Möglichkeiten, neue diagnostische und therapeutische Ansätze zu entwickeln. Wir brauchen objektive Biomarker, welche die Diagnosestellung möglichst früh und sicher gewährleisten. Und wir brauchen neue Therapeutika, welche das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten und Parkinson heilen. Es ist faszinierend an dieser großen Aufgabe mitwirken zu können. Es geht mit großen Schritten voran. Aber wir sind noch nicht am Ziel.
Was war ihr persönlich wichtigster Beitrag in der Erforschung der Erkrankung?
Das gemeinsame Ziel vor Augen, eine Parkinson Therapie zu entwickeln, die das Fortschreiten der Krankheit bremst, hat die zuständige Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen in Eigeninitiative eine klinische Prüfung durchgeführt, um die Wirkung eines Grüntee-Extraktes bei Parkinson Patienten mit besonders raschem Krankheitsfortschritt (Multisystematrophie) zu untersuchen. Unabhängig von Industrie und ohne bedeutende Finanzmittel, aber mit sehr viel Motivation und Engagement haben wir eine hochprofessionelle Studie konzipiert und durchgeführt. Die Untersuchung zeigte zwar keine klinische Besserung für die Patienten, aber dennoch eine Verlangsamung des Hirnvolumenverlustes innerhalb eines Jahres. Dieses ermutigende Ergebnis legt nahe, dass es in der Tat möglich sein wird, in die Krankheitsmechanismen fundamental einzugreifen. Es war bewegend und motivierend zu sehen, wie leistungsfähig die deutsche Parkinson-Forschung ist. Basierend auf diesen und ähnliche Erkenntnissen, planen wir und andere nun neue Untersuchungen mit dem Ziel, die molekularen Krankheitsmechanismen bei Patienten zu stoppen.
Durchgreifende Therapie als wichtigste Aufgabe.
Was sollte sich zukünftig in der Behandlung der Parkinson-Krankheit ändern?
Jede Parkinson Krankheit verläuft individuell. Die Geschwindigkeit des Fortschreitens, das Auftreten von motorischen Komplikationen, begleitende Störungen des autonomen Nervensystems, geistige oder emotionale Probleme, das Ansprechen auf verschiedene Therapieformen sind Aspekte, die für jeden Patienten eine eigene Krankheitsgeschichte schreiben. Eine optimale Parkinson Therapie erkennt das individuelle Spektrum der Symptome und widmet sich der gesamten Breite. Idealerweise wird das Auftreten der o.g. Komplikationen bereits durch vorausschauende, personalisierte Therapieentscheidungen verhindert. Die große Vision für die Parkinson Therapie der Zukunft ist die Verzögerung des Fortschreitens oder die Heilung der Krankheit. Hierzu muss in die ursächlichen Krankheitsmechanismen eingegriffen werden. Wie die Symptome, so sind auch die Krankheitsmechanismen vielfältig. Verschiedene Gene und Umweltfaktoren scheinen bei der Krankheitsentstehung zusammenzuspielen. Bei machen Parkinson Patienten sind z.B. primär Produktion oder Abbau von bestimmten Eiweißen gestört, bei anderen die Energieproduktion. Daher wird wohl auch die ursächlichen Therapie bei Parkinson individualisiert, d.h. auf jeden einzelnen Patienten zugeschnitten, erfolgen müssen, um erfolgreich zu sein. Zusammenfassend wird nach meiner Auffassung die Parkinson Therapie der Zukunft vorausschauend, ganzheitlich hinsichtlich des Symptomspektrums und personalisiert hinsichtlich der 'Ursachenbekämpfung' sein.
Welchen Rat möchten Sie jungen Ärzten und Wissenschaftlern geben?
Es gab nie eine bessere Zeit als jetzt, um Wissenschaftler zu sein. Moderne Infrastrukturen erlauben es, viele Patienten an vielen Orten mit den selben Standards zu untersuchen. Moderne Technologien ermöglichen es, Tausende Fragen gleichzeitig zu untersuchen. Digitale Vernetzung ermöglicht es, das Wissen der Menschheit jederzeit abrufbar bei sich zu haben. Die große Herausforderung für junge Ärzte und Wissenschaftler ist es heute wie früher, den Überblick zu behalten und Relevantes von Unrelevantem zu unterscheiden. Fortschritt entsteht, wenn Individuen es wagen, vertraute Wege zu verlassen. Im unbekannten Terrain braucht es methodische Trittsicherheit und einen guten inneren Kompass um vielversprechende Ziele zu identifizieren und zu erreichen. Frei nach Kant, braucht es den Mut, seiner Intuition zu vertrauen und sich seines Verstandes zu bedienen.

Prof. Dr. med. Günter Höglinger

Prof. Dr. med. Günter Höglinger

„Die große Vision für die Parkinson-Therapie der Zukunft ist die Verzögerung des Fortschreitens oder die Heilung der Krankheit.“