Organisation

Prof. Dr. med. Daniela Berg
Prof. Dr. med. Daniela Berg ist Neurologin und seit 2016 Direktorin der Neurologischen Universitätsklinik in Kiel. Ihr klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen. In einer Vielzahl von Untersuchungen in nationalen und internationalen Kooperationen hat sie sich insbesondere der Früherkennung der Parkinsonerkrankung gewidmet und Kriterien für die Frühdiagnose erarbeitet. Ziel ihrer Forschung ist eine frühe Intervention zu Verbesserung des Verlaufs und langfristig die Prävention der Parkinsonerkrankung. Prof. Berg war von 2011-2017 Vorstandsmitglied der Deutschen Parkinson Gesellschaft (DPG).
Was hat Sie motiviert, sich für die Parkinson Stiftung zu engagieren?
Parkinson ist ein lebenslanger Begleiter, der derzeit viele und immer mehr Menschen betrifft. Das hängt einerseits mit dem Älterwerden unserer Bevölkerung zusammen, andererseits damit, dass wir heute viel früher und besser die Diagnose stellen können als noch vor einigen Jahren. Neben besseren diagnostischen Möglichkeiten gibt es auch bessere therapeutische Möglichkeiten. Diese sind jedoch noch nicht jedem zugänglich. Somit ist es mein großer Wunsch und mein großes Interesse, möglichst vielen Menschen den aktuellen Stand des Wissens und der Möglichkeiten über Parkinson zu vermitteln. Dazu gehört auch, dass bestimmte Faktoren des Lebensstils in einem gewissen Rahmen vor Parkinson schützen können (beispielsweise dazu führen, dass die Erkrankung später auftritt) oder auch den Verlauf verlangsamen können. Auch hier scheint es mir essentiell, dass Betroffene und auch noch Gesunde darüber Bescheid wissen. Aufklärung, Hilfestellungen, Unterstützung der insbesondere in Deutschland auf sehr hohem Niveau laufenden Forschung sind im Rahmen einer Stiftung möglich. Gerne bringe ich mich in diesem Rahmen ein und hoffe, dass wir gemeinsam das Leben für Betroffene und ihre Angehörigen erleichtern und auch das Bild für unsere Gesellschaft, in dem vermittelt werden sollte, dass man auch mit einer chronischen Erkrankung gut leben kann, positiv beeinflussen können.
Warum halten Sie die Parkinson Stiftung für wichtig?
Die Parkinson-Stiftung ermöglicht eine Vernetzung von Betroffenen (Patienten, Angehörigen) einerseits und Ärzten und Wissenschaftlern andererseits. Diese Vernetzung kann ein besseres Verständnis der jeweiligen Perspektive, der jeweiligen Möglichkeiten und auch Schwierigkeiten vermitteln. Auch zur Information unserer Gesellschaft, die Betroffenen mit Verständnis begegnen sollte, kann die Parkinson-Stiftung beitragen. Von besonderer Bedeutung ist nicht zuletzt auch die finanzielle Unterstützung der Forschung, die raschere und zielgerichtetere Wissenschaft für bessere Diagnostik, Therapie und insgesamt bessere Lebensbedingungen von Menschen, die mit Parkinson leben, und ihrer Familie ermöglichen wird.
Was reizt Sie persönlich an der Erforschung der Parkinson-Krankheit?
Die Parkinsonerkrankung ist eine der Erkrankungen, die uns die großartigen Kapazitäten unseres Gehirns vor Augen führt. Erst, wenn mehr als die Hälfte bestimmter Nervenzellen zu Grunde gegangen sind, werden die typischen Auffälligkeiten der Bewegung wie Verlangsamung, Steifigkeit und Zittern evident. So lange kann das Gehirn diesen Verlust gut kompensieren. Neben diesem faszinierenden Aspekt der Kompensationsmöglichkeiten und Plastizität des Gehirns ist es aber auch das Entstehen einer derartigen neurodegenerativen Erkrankung, das mich fasziniert. Schwerpunkt meiner eigenen Forschung ist die Früherkennung von Parkinson. Wir und viele andere konnten mittlerweile herausfinden, dass erste klinische Auffälligkeiten der Erkrankung schon Jahre bis Jahrzehnte vor der Diagnosestellung durch die Bewegungsstörung spür- und sichtbar sein können. Die Entstehung der Erkrankung, die nach dem Stand der heutigen Erkenntnis zumindest bei einem Großteil der Betroffenen nicht im Gehirn stattfindet, der sehr langsame Ausbreitungsmechanismus, die Interaktion mit verschiedenen Stoffwechselprozessen, die Einflussmöglichkeiten durch den eigenen Lebensstil und schlussendlich die Perspektive, ursächlich dem Prozess begegnen zu können und somit eine weitere Ausbreitung zu verlangsamen oder gar zu stoppen, ist für mich eine großartige Herausforderung, der ich mich weiterhin stellen möchte. Noch ein anderer Aspekt wird mir daneben immer wichtiger: In den letzten Jahrzehnten durfte ich viele Menschen, die mit Parkinson leben, begleiten. Der Umgang vieler mit diesem sie einschränkenden lebenslangen Begleiter, der Einsatz für andere Betroffene oder auch ganz andere Bereiche des Lebens, wo Hilfe nötig ist trotz eigener Einschränkungen, das Prägen unserer Gesellschaft, in der es nicht immer nur um schneller, größer und effektiver gehen kann, sind Aspekte, die mich immer wieder bewegen und das Miteinander mit den Patienten und Familien, die ich begleiten darf, als Bereicherung erleben lassen.
Was war ihr persönlich wichtigster Beitrag in der Erforschung der Erkrankung?
Mit meinem damaligen Mentor (Dr. Georg Becker, später Ordinarius der Universitätsklinik Homburg/Saar) konnte ich bereits als junge Assistenzärztin mittels Ultraschall eine typische Veränderung der Substantia nigra (der schwarzen Substanz, der Teil des Mittelhirns, in dem Dopamin produziert wird) nachweisen. Die Erkenntnis, dass dieser Befund auch bei gesunden, zum Teil jungen Menschen dargestellt werden kann, bei denen sich im Verlauf ein erhöhtes Risiko für Parkinson herausstellte, war der Beginn meiner Arbeit, Parkinson früher als zum Zeitpunkt der motorischen Manifestation (Störung der Beweglichkeit) zu detektieren. Somit ist dieses Ultraschall-Merkmal die wesentliche Basis der Früherkennungsstudien, die ich mit vielen großartigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vor allem beeindruckend hilfsbereiten Probandinnen und Probanden sowie Patientinnen und Patienten im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte durchführen konnte. So konnte ich mit Prof. Ron Postuma aus Kanada und eine Reihe internationaler Kollegen schlussendlich Kriterien für die Früherkennung von Parkinson noch vor Auftreten der typischen Bewegungsmerkmale definieren.
Parkinson ist ein lebenslanger Begleiter
Was sollte sich zukünftig in der Behandlung der Parkinson-Krankheit ändern?
Zunächst scheint mir wichtig, dass alle behandelnden Ärzte und Therapeuten Parkinson nicht nur als eine Erkrankung der Bewegung und Beweglichkeit verstehen, sondern erkennen, dass viele andere Symptome wie Verstopfung, Störung beim Wasserlassen, Depressionen, Veränderungen von Konzentration und Gedächtnis etc. das Leben von Menschen, die von Parkinson betroffen sind, erschweren. Somit muss der symptomatische Ansatz breit sein und all diese Symptome adressieren. Hierzu gehört, dass nicht nur medikamentöse Maßnahmen, sondern viele konservative Maßnahmen wie körperliche und geistige Aktivität und Aktivierung, die durch Fachkräfte (Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden etc.) unterstützt werden müssen, essentiell sind. Darüber hinaus scheint es mir wesentlich, dass alle Angehörigen verstehen, dass die Betroffenen zwar täglich mit dem Begleiter Parkinson leben müssen, selbst jedoch „der Chef in ihrem Leben“ bleiben. Dazu gehört eine aktive Tagesstruktur, Aufgaben, die erfüllen und auch Freude bereiten und die körperliche und geistige Aktivität, die notwendig ist, um „fit“ zu bleiben. Somit sehe ich in ein multimodales Behandlungskonzept, in dem Betroffene, ihre Angehörigen, Therapeuten und Ärzte in gutem Miteinander gemeinsam Konzepte für ein gutes Leben mit Parkinson erarbeiten, als essentiell an. In diesem Rahmen sollte auch die medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapie individuell gestaltet werden. Der Einsatz von Methoden wie Tiefenhirnstimulation oder jetzt der Magnetresonanztomografie-gesteuerten fokussierten Ultraschall (MRgFUS) – Methode sollten möglichst vielen Patienten in einem Stadium, in dem sie aktiv für den Alltag davon profitieren, ermöglicht werden.
Welchen Rat möchten Sie jungen Ärzten und Wissenschaftlern geben?
Der Beruf des Arztes/der Ärztin und des/der Wissenschaftlers/in ist eine großartige Herausforderung – jeden Tag neu! Wenn gar noch das Gehirn Zielorgan der Forschung ist, ist den Möglichkeiten kaum eine Grenze gesetzt. Ich wünsche allen jungen Menschen, die sich für diesen Bereich entscheiden, dass sie die Faszination für unser Gehirn im gesunden und kranken Zustand behalten und mit Neugier sich den wissenschaftlichen Fragestellungen widmen - mutig, auch einmal andere Wege zu gehen, offen sind und bleiben, von anderen zu lernen und dass sie kooperativ gemeinsam mit anderen Fragestellungen voran bringen. Ich wünsche den jungen Ärztinnen und Ärzten, dass sie das Privileg, Menschen in schweren Situationen ihres Lebens zu begleiten und ihnen Rat geben zu dürfen, trotz vieler struktureller Herausforderungen im aktuellen Arbeitsalltag mit Freude sehen und jeden Tag neu Kraft und gute Ideen für Ihre Arbeit bekommen und sich durch die menschliche Begegnung bereichert fühlen. Der Beruf des Arztes und Wissenschaftlers ist eine wirkliche Berufung und ich wünsche allen jungen Leuten, dass sie dieses für sich zutiefst erfahren und auch in Anspruch nehmen können.

Prof. Dr. med. Daniela Berg

Prof. Dr. med. Daniela Berg

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